Parole. Parole. Worte. Worte

Parole, Parole. Worte, Worte.

Hoffnungsvolle, angstvolle, ermutigende und verstörende Worte — sie tönen aus dem Radio. Zwei Menschen, die zwei Monologe führen und keinen Dialog. Parole. Parole. Worte. Worte. Mehr nicht. 

Keines ihrer Worte vermag den Geschmack einer Kirsche zu beschreiben, geschweige denn das wunderbare Erlebnis, sie wirklich zu schmecken.

Viele beklagen sich heute darüber, dass sie zu viele Worte über Handy, Internet und Fernsehen erhalten und verstummen dabei selbst immer mehr.

Der Sprachschatz schrumpft, die Lesekompetenz sinkt gelegentlich auf das bloße Entziffern von Buchstaben – in dem Maße, wie sich die Vereinzelung zur Vereinsamung bewegt.

Trotzdem lerne ich neue Worte.

Trotzdem lerne ich Grammatik.

Trotzdem lerne ich Italienisch.

Ich sammle Worte. In Büchern, in Bibliotheken, und in meinem Zuhause. In langen Regalen an den Wänden, und an vormals freien Stellen, wo sich inzwischen Bücher in bedenklich gefährliche Höhen stapeln.

Nicht aus Unordnung, sondern aus Zuneigung. Denn jedes Buch trägt eine Welt in sich, und Welten gebe ich nicht leichtfertig weg.

Bücherverbrennung kommt für mich selbstverständlich nicht in Frage. Aber auch das Weggeben von gedruckten Worten fällt mir schwer. Zu schwer.

Vielleicht, weil jedes Buch Ideen und Geschichten enthält, die ich nicht verlieren möchte und die ein Echo in mir ertönen lassen, das mir leise Freude schenkt.

Auch wenn meine verbliebene Lebenszeit längst zu kurz ist, um all diese Bücher noch einmal zu lesen. Und doch genügt mir oft ein einziger Blick auf einen Buchrücken, um Erinnerungen zu wecken: an weiterführende Gedanken, an schöne Poesie, an nächtliche Stunden unter der Leselampe oder an Ludwig Wittgenstein, dessen Name mir von einem Einbandrücken entgegenblickt.

Am Strand las ich selten. Dort gab es mehr Meer zu erleben, als in jedes Buch passt. Und vielleicht ist das gut so. Manchmal brauche ich ein Stück Welt, das nicht zwischen zwei Deckeln steht.

Während sich in meinen Regalen die Bücher weiter auftürmen, hat draußen längst ein anderes Zeitalter begonnen: das Zeitalter der Icons und Emojis. Kleine bunte Zeichen, die Gefühle imitieren.

Ein Herz, das blinkt, ein Gesicht, das lacht – und schon gilt ein Gespräch als geführt. Doch all diese Zeichen erzählen nichts. Sie deuten an, sie zeigen, sie winken. Aber sie tragen keine Tiefe.

Sprache muss mehr sein als kleine bunte Zeichen, die Gefühle imitieren. Mehr als ein Herz, das blinkt, oder ein Gesicht, das lacht. Sprache trägt Erinnerung, Nuance, Widerspruch. Sie bewahrt Gedanken, sie bewegt sie, sie trägt sie über die Zeit hinweg.

Vielleicht halte ich deshalb so fest an meinen Büchern. Nicht aus Nostalgie, sondern aus dem Gefühl heraus, dass Sprache Welt ist und nicht bloß ein Symbol dafür. Ein Buchrücken kann mehr Erinnerungen tragen als ein ganzes Chatprotokoll. Und ein Satz, sorgfältig überlegt, kann mehr Welt enthalten als eine ganze Galerie digitaler Zeichen.

Mit Lust und einem leichten Schulterzucken ertrage ich die Last der Bücherstapel, denn oft genügt ein einziger Blick, um Erinnerungen, Gedanken und ganze Welten wieder lebendig werden zu lassen. Und das ist auch gut so.

Doch gelegentlich hebe ich den Kopf, über den Rand eines Buches hinaus, um diese wundervolle Welt mit eigenen Augen zu betrachten — und sie auf Reisen neu zu erleben.

Denn so sehr ich Worte liebe: Manche Erfahrungen verlangen nach Stille, nach Wind, nach Meer, nach dem unmittelbaren Blick.

Und vielleicht ist es genau dieser Wechsel zwischen gedruckter Welt und gelebter Welt, der mich immer wieder zu den Büchern zurückführt — und zugleich hinaus in die Welt schickt.

PS: Dieser Link führt zu einer wunderbaren Aufnahme von Parole, Parole vom 13.04.1972. Nach einem kurzen Werbespot öffnet sich das Video.

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