30.03.2026 Acireale

Ein Essay über Rilke, Levinas und das Schauen mit geschlossenen Augen

Gesprächsthemen mit Erika fließen wie selbstverständlich ineinander. Wir beginnen bei der Tradition der Insel, bei einem Ballett im Fernsehen oder bei einem Rezept für Artischocken und landen plötzlich bei Rainer Maria Rilke und Emmanuel Levinas.

Erika las mir einen Absatz aus Rilkes“Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ vor. Es war die Stelle, in der Malte sagt, er lerne sehen. Er beschreibt, wie das Sehen nicht mehr an der Oberfläche endet, sondern tiefer in ihn hineinreicht. Dieser Satz traf mich, weil ich diesen Gedanken schon einmal beschrieben habe: https://grigat.me/eros/ und https://grigat.me/neu-die-drei-grazien-eros-und-ich/

Vor ein paar Tagen war mir dieser Gedanke erneut begegnet. In einer Einführung in die Philosophie von Levinas las ich, wie er das Antlitz des Anderen beschreibt. Auch dort geht es um ein Sehen, das nicht nur registriert, sondern berührt.

Es geht um die Unterscheidung zwischen wirklichem und eigentlichem Sehen. Das wirkliche Sehen zeigt mir die Welt. Das eigentliche Sehen zeigt mir, dass die Welt mich meint.

Rilke und Levinas beschreiben von zwei verschiedenen Standpunkten aus ein gemeinsames Erleben.

Vor uns steht ein Mensch. Aus Gewohnheit sehen wir sein Gesicht wirklich, wir erkennen, ordnen und bewerten es. Doch wenn wir sein Antlitz sehen wollen, müssen wir nach dem Eigentlichen suchen. So wird aus dem Objekt ein Subjekt, ein Gegenüber, das uns meint.

Bei Rilke ist es ein poetischer Moment, bei Levinas ein zutiefst menschlicher Moment, der zugleich eine ethische Tiefe hat. Zwei Seiten derselben Medaille. Das Eigentliche erscheint erst, wenn der Blick aufhört zu registrieren, einzuordnen und zu bewerten.

Wie ich an anderer Stelle über den Eros des Sehens geschrieben habe, ist der Eros nicht das Begehrende, das besitzen will, sondern das Offene, das sich verwandeln lässt. Der Eros des Sehens ist die Fähigkeit, die Welt nicht zu fixieren, sondern sich von ihr ansprechen zu lassen. Es ist ein Sehen, das nicht erobert, sondern empfängt. Ein Sehen, das nicht trennt, sondern verbindet.

Der Kleine Prinz sieht eine Blume und denkt: Man sieht nur mit dem Herzen gut!

Erstaunlicherweise gelingt dieses eigentliche Sehen auch mit geschlossenen Augen. In der Meditation betrachten wir die Dinge, wie sie sind. Wir sehen nicht mit den Augen, sondern mit einer Aufmerksamkeit, die frei von Absicht ist.

Der Geist wird ruhig, und die Welt erscheint, ohne dass wir sie festhalten. In dieser Stille suchen wir nach dem Eigentlichen. Mit äußerster Achtsamkeit betrachten wir, was uns begegnet. Nichts ist zu klein oder zu unbedeutend. Auch das Geringste wird gewürdigt. So wird das Unscheinbare sichtbar.

Es scheint mir, dass Rilke und Levinas auf diese Weise gesehen haben. Rilkes eigentliches Sehen ist die poetische Beschreibung dessen, was Levinas meint, wenn er vom anderen Menschen spricht.

Es ist der Moment, in dem ein Mensch nicht mehr nur wahrgenommen wird, sondern uns wirklich begegnet. Ein Moment, in dem wir nicht mehr urteilen, sondern den anderen mit all seinen Unterschieden sehen und annehmen.

Meditation ermöglicht solche Begegnungen, weil sie sieht, ohne festzuhalten oder zu erzwingen. Sie ist eine stille Suche nach dem Eigentlichen – im anderen, in der Welt, in uns selbst.

Vielleicht ist das der tiefste Eros des Sehens. Nicht das Begehren nach dem Sichtbaren, sondern die Bereitschaft, sich vom Unsichtbaren berühren zu lassen. Nicht das Festhalten, sondern das Zulassen. Nicht das Erkennen, sondern das Anerkennen.

Gespräche mit Erika sind Dialoge, in denen das Eigentliche sichtbar wird und ihr Antlitz mir begegnet.

PS: Ich glaube, dass mich diese Gedanken gut auf das Levinas-Seminar vorbereiten.

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