
So sieht es auf der Rückseite des Hotels aus. Das ist die andere Seite von Palermo. eine Stadt der großen sozialen Kontraste.

Die Grundgebühr von 18 Euro für das Taxi war es mir wert. Ich wollte mein Gepäck keine eineinhalb Kilometer über unebene Fußwege ziehen. Das Zimmer liegt im sechsten Stock eines Hauses an der Via Maqueda und bietet eine wunderbare Aussicht über die Dächer der Nachbarschaft. Das Teatro Massimo ist buchstäblich um die Ecke. Aufführungen gibt es in den nächsten Tagen keine, also schloss ich mich einer Führung an. Eines der größten Opernhäuser Europas , das nicht täglich bespielt wird, weil es schlicht nicht genug Publikum gibt, das die Eintrittspreise zahlen könnte.



Vor dem Teatro zogen einige Gartenzwerge meine Aufmerksamkeit auf sich, ihre Körper an die Terrakotta-Armee von Xi’an erinnernd. Eine zweite Installation sollte es in der Via Butera geben. Als ich dort vor dem Museum stand, erinnerte ich mich, dass ich vor zwei Jahren quasi auf der anderen Straßenseite geparkt hatte. Sonderbar, wie zuverlässig sich solche Details einprägen, während italienische Grammatik mir in der Praxis gern nicht einfällt.



Links: Ein Kunstwerk im Aufgang des Museums und (rechts) der Ausblick aus dem Museum auf die andere Straßenseite.
Der barocke Palast wurde 2020 nach umfassender Renovierung als Museum eröffnet. Moderne Kunst in barocken Räumen – ein Kontrast, der erstaunlich gut funktioniert. In der ruhigen Cafeteria aß ich Artischocken in Zitronen-Sahne-Soße auf selbst gemachter Pasta. Durch die Konzentration auf den Geschmack konnten sich die anderen Sinne ein wenig erholen.

Die übrigen Zwerge von Max Papeschi fand ich nicht im Museum, sondern im Gebäude nebenan – dort allerdings nur als Videoinstallation. Die Hauptattraktion war eine Multimediashow über das Leben von Van Gogh. Mit einer Virtual-Reality-Brille konnte ich durch seine Bilder spazieren. Auf Italienisch wurden Auszüge aus seinen Briefen an Theo vorgelesen; manche Stellen verstand ich, weil ich ein Buch mit seinen Briefe auf Deutsch gelesen habe.
ich habe zu der Installation eine separate Seite erstellt, weil mir die Arbeit so gut gefällt. Hier klicken!

Es scheint, als ob das ganze Leben Palermos am Sonntag auf den Straßen stattfindet. Die Jungen wollen und können nicht den ganzen Tag bei ihren Eltern sitzen; Arbeit haben viele nicht, also sitzen sie vor den Cafés, trinken Espresso für 1,50 Euro und reden stundenlang. Durch die Altstadt ziehen sich einige breite, verkehrsfreie Straßen, die Platz schaffen für Straßen- und Flohmarkthändler, die Kitsch vom Feinsten anbieten – Dinge, die vermutlich von Oma geerbt wurden. Die Seitenstraßen sind so eng wie in Genua und versprechen auf den ersten Blick nichts. Doch immer wieder öffnen sich versteckte Höfe, plätschernde Brunnen, Wäscheleinen im Wind. Hinsehen lohnt sich. Manchmal ergibt sich sogar ein freundliches „Buongiorno“ und eine kurze Unterhaltung mit einer alten Dame, die ihre Einkäufe nach Hause trägt.


Den Rückweg nahm ich entlang der Marina, in der prächtige Yachten liegen. Auch das ist Palermo. In einem Club am Hafen tanzten Menschen mittleren Alters, während ein Stück weiter die Jungen auf einer Wiese saßen und ihren eigenen Abend hatten.

Sontag Abend in Palermo – keiner sieht Fern.
Soziale Landschaften: Torino und Palermo im Vergleich
Wer Italien von Norden nach Süden reist, begegnet nicht nur unterschiedlichen Städten, sondern zwei sozialen Welten. Torino und Palermo stehen exemplarisch für diese Gegensätze.
In Torino, der alten Industriemetropole am Fuß der Alpen, leben rund 840.000 Menschen. Die Stadt ist deutlich älter: ca. 28 % der Bevölkerung sind über 65, nur 20 % unter 25. Palermo wirkt jünger. Von den 630.000 Einwohnern sind 22,5 % über 65 und etwa 22 % unter 25 – eine demografische Kurve, die noch Bewegung kennt.
Auch wirtschaftlich trennen beide Städte Welten. In Piemont verdienen Arbeitnehmer im Schnitt ca. 24.000 € brutto, in Sizilien ca. 18.000 €. Netto bleiben jeweils etwa ca. 75 %. Die Mieten spiegeln diese Unterschiede: 12–16 €/m² in Torino, 7–10 €/m² in Palermo.
Die Lebenserwartung liegt in Torino/Piemont bei ca. 85 Jahren, in Palermo bei rund 82 Jahren. Männer erreichen im Norden 883, im Süden 80 Jahre; Frauen liegen mit 86 Jahren näher beieinander.
Besonders sichtbar wird der Nord-Süd-Kontrast im Arbeitsmarkt: bis zu 40 % Jugendarbeitslosigkeit in Sizilien, bis zu 20 % in Piemont. Und auch die Gesundheitsversorgung unterscheidet sich: 3,7 Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner in Piemont, 3,1 in Sizilien. Torino verfügt über einige der renommiertesten Kliniken Italiens, Palermo über solide, aber strukturell belastete Häuser.
Zwei typische italienische Städte, zwei Wirklichkeiten. Torino steht für den industriellen, wohlhabenderen Nordens: älter, geordneter, stabiler. Palermo verkörpert den Süden: jünger, günstiger, lebendiger, aber mit spürbaren Herausforderungen. Wer beide besucht, erlebt italienische Realitäten – europäische Realitäten.