Turin, sonnig, 15 Grad, 13 km
Nach dem Hochziehen des Rollladens war sofort klar: Der Tag würde freundlich werden. 15 Grad, Sonne, klare Luft – perfektes Wetter für einen langen Spaziergang durch Turin. Heute Abend werden auf meiner Fitnessuhr 13 Kilometer stehen.

Mein erstes Ziel war das Ticketoffice im Bahnhof. Für die Fahrt nach Genua brauche ich noch eine Sitzplatzreservierung. Ich führte all meine italienischen Vokabeln vor – und bekam eine Fahrkarte ohne Sitzplatzreservierung, weil man die für Regionalzüge nicht braucht. Preis: 14,50 Euro. Durch den Kauf der günstigen Fahrkarte „spare“ ich einen der zehn Reisetage meines Interrail-Tickets. Wer weiß, wofür ich diesen eingesparten Tag noch brauchen werde.

Danach startete ich meinen Rundgang an der Porta Palatina, dem alten römischen Stadttor, das mit seinen beiden polygonalen Türmen im Morgenlicht fast wie ein Bühnenbild wirkte. In unmittelbarer Nähe befindet sich der Dom, mit der Kapelle, in der das Grabtuch Jesu Christi aufbewahrt wird.
Kleine Beobachtung am Rande: Wieder fällt mir auf, wie ruhig Turin ist. Kaum Motorräder, kaum Vespas – fast unitalienisch. Dafür viele Fahrräder, viele Fußgänger, breite Bürgersteige und Arkaden, die das Gehen angenehm machen. Es wirkt, als hätten sich die Straßenbäume in die Parks zurückgezogen und dort versammelt.

Ich hatte erwartet, dass der Dom voller Menschen wäre, aber tatsächlich waren nur wenige Besucher da, die still meditierten. Eine sehr schöne, konzentrierte Stimmung. Seit dem 14. Jahrhundert wird das Tuch verehrt; damals tauchte es erstmals in Frankreich auf, bevor es nach Turin gelangte. Ob es nun echt ist oder nicht – die Nähe zu ihm erfüllt den Raum mit einer besonderen Spannung.


Von dort führte mich der Weg in die Via Barbaroux, eine der charakteristischsten Gassen des Quadrilatero Romano. Kleine Läden, ruhige Gassen, barocke Fassaden, Frauen, die im Eingang eines Hauses stehen und sich unterhalten – ein angenehmes Flanieren ohne Eile. Weiter ging es zur Piazza Emanuele Filiberto, wo ich im Pastis zu Mittag aß. Das Essen war tatsächlich eine kleine Sensation: eine Gemüsesuppe, dann Spaghetti alla Thunfisch-Carbonara und schließlich ein Thunfischsalat mit Kapern und roten Zwiebeln. Mit diesem Menü hat sich Torino das „Ohhhhh“ wirklich verdient.

Unterwegs entdeckte ich den Zentralmarkt: ein altes Eisen‑Glas‑Gebäude voller Stände mit Käse, Fleisch, Fisch. Draußen gibt es Obst und Gemüse – und ein Pfund Erdbeeren für 1,50 Euro wurde mein Nachtisch: süß, frisch, perfekt.

Nach dem Essen schlenderte ich über die Via Santa Chiara (oder vielleicht war es die Via Bellezia – beide führen durch das Viertel) zur Piazza della Consolata. Man kann nicht sagen, dass man kreuz und quer durch die Stadt schlendert – bei diesem rechtwinkligen Stadtplan ist es eher ein meandern im römisch‑griechischen Raster. Gäbe es nur einen Obelisken, den man auf den langen Sichtachsen sehen könnte, wäre die Orientierung noch einfacher. Wie in New York merkt man sich: drei geradeaus, zwei links – doof nur, wenn man sich verzählt oder mit einem Zahlendreher losgeht. Wie auch immer: Diese Stadt lädt zum Spazieren ein.


Die barocke Fülle des Santuario della Consolata wirkte heute besonders intensiv, mit ihren Ex‑Votos und dem gedämpften Licht. Gegenüber das berühmte Caffè Al Bicerin, das ich diesmal nur von außen betrachtete. Die Contrada dei Guardinfanti zeigte sich schmal und farbig, mit ihren Bannern und Boutiquen, bevor ich über die Via Garibaldi weiterging – die alte römische Hauptachse, heute eine lebendige Fußgängerzone.

Schließlich erreichte ich die Piazza Castello, den weiten, offenen Platz, der wie ein riesiger Paradeplatz wirkt. Von dort überquerte ich den Po und begann den Aufstieg zum Monte dei Cappuccini. Der Weg war steiler, als ich es mir gewünscht hätte – nach meinem schottischen Bergabenteuer wollte ich solche Steigungen eigentlich vermeiden. Aber oben wartete die Belohnung: ein weiter Blick über die Stadt, die heute im milden Licht fast weich wirkte. Cappuccino gab es dort oben allerdings keinen.
Ein Tag, der leicht war. Ein Tag, der sich einfach ergeben hat. Ein Tag, an dem Turin sich geöffnet hat – und ich bin einfach mitgegangen.