Ich bin heute Abend ziemlich erschöpft – oder besser gesagt: voll. Heute ist es diese besondere Art von Müdigkeit, die sich nach einem langen Rundgang einstellt, wenn die Füße warm sind und der Kopf voller Bilder. Ich bin an der Porta Nuova gestartet und habe mich von der Via Roma nach Norden treiben lassen – dieser hellen, geraden Straße, die komplett unter Arkaden liegt. Man läuft wie in einem endlosen Korridor aus Stein, und selbst der leichte Nieselregen hat sich dort höflich zurückgehalten.

Die Via Roma führt zur Piazza San Carlo, einem der vielen großen Plätze der Stadt. Er ist so ruhig und symmetrisch, dass man automatisch langsamer geht. Die Turiner nennen ihn ihr Wohnzimmer, und ich verstehe das – er hat etwas Wohnliches, ohne gemütlich sein zu wollen.

Weiter zur Piazza Castello, dem Zentrum der Stadt, politisch wie architektonisch. Alles wirkt geordnet, großzügig und auf Repräsentation bedacht. Aber Turin darf das – es war zeitweise die Hauptstadt Italiens.

Der Palazzo Madama war mein erstes Ziel. Zwei Stunden Kunst in Räumen, die selbst Geschichte erzählen. Die barocke Ausstattung des Palastes ist grandios, aber nicht mein Geschmack. Die Präsentation der Kunstwerke ist erstaunlich modern – man merkt, dass Turin Wert darauf legt, seine Sammlungen zeitgemäß zu zeigen. Die Savoyer haben gesammelt, als wäre es ein Sport gewesen. Außen etwas rustikal, aber innen…




Zwischendurch ein zweites Frühstück im Caffè Mulassano. Dickflüssige Schokolade, fast ein Pudding, aber warm und köstlich. Ich könnte mich daran gewöhnen

Ich flaniere an schicken Geschäften weiter zur Galleria Subalpina – eine elegante, gläserne Passage.
Im Palazzo Reale – dem eigentlichen Königspalast, ab dem späten 16. Jahrhundert als Sitz der Savoyer ausgebaut und bis 1946 bewohnt – befindet sich unter anderem die Galleria Sabauda, die mich mit Malerei vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert überschüttet hat. Wieder diese Mischung aus alten Mauern und moderner Präsentation. Die Savoyer haben gesammelt, was gut und scheinbar teuer war.


Eine Galerie mit 10 lebensgroßen Pferden samt Rittern, habe ich bisher nirgendwo gesehen. Da werden Jungenträume wahr.

Diese Dame verfolgt einem mit ihrem Blick.

Da ich schon einmal im Palazzo Reale war, bin ich auch noch durch die Musei Reali gegangen – ein Komplex, der so groß ist, dass man leicht die Orientierung verliert. Die Antikensammlung hat mich überrascht: römische Stelen, Vasen, kleine Alltagsgegenstände, die plötzlich sehr lebendig wirken, wenn man sie in dieser ruhigen, klaren Präsentation sieht.
Als ich aus dem Museum kam, schien plötzlich die Sonne. Die Arkaden, eben noch Regenschutz, wurden zu Sonnenschutz.


Unterwegs habe ich mich gefragt, warum diese Stadt so aussieht, wie sie aussieht. Das strenge Raster stammt noch aus der römischen Gründung – Augusta Taurinorum –, und die barocken Achsen und Plätze kamen im 17. und frühen 18. Jahrhundert dazu, als die Savoyer hier ihre Hauptstadt hatten. Vieles, was heute so monumental wirkt, ist genau aus dieser Zeit. Die Fußgängerzonen sind dagegen neueren Datums; seit den 1990ern wird das Zentrum Stück für Stück beruhigt. Für Autofahrer sicher ein Albtraum, für mich heute ein Segen. Mit dieser Art von Eleganz und Entspanntheit können Paris, Mailand und Rom nicht mithalten. Wer Spaß an Schaufensterbummeln hat, ist hier allerbestens aufgehoben.
Was mich wirklich überrascht hat, ist die Menge an Boutiquen. Ich glaube nicht, dass ich in den genannten Städten so viele elegante Geschäfte gesehen habe, die ihre Ware so kreativ präsentieren. Gut, dass ich als „recovering fashion victim“ erst jetzt hier bin – sonst müsste ich drei Koffer hinter mir herziehen und wäre ein armer Mann.
Am Ende des Tages habe ich gut zehn Kilometer zurückgelegt. Eine ordentliche Portion Kunst, dazu zweimal Schokolade – ich habe mich inzwischen an sie gewöhnt.

Turin ist eine sehr angenehme Stadt, die sich unter Arkaden versteckt und gleichzeitig stolz zeigt, was sie hat: Geschichte, Mode, Kaffeehäuser, Plätze, Licht. Im Sommer muss es hier wunderbar sein, wenn überall kleine Tische und Stühle stehen und man Aperol oder Spritz trinkt, während die Stadt langsam in den Abend gleitet. Mal sehen, wann ich das erleben kann.
