Zu Beginn meines Studiums des Buddhismus beschäftigte mich die Frage: Wie echt sind Gefühle eigentlich? Die Frage stellte sich mir nicht abstrakt. Ich hatte Gefühle erlebt, die mich überwältigten, die mein Leben bestimmten. Und ich ahnte zugleich, dass irgendetwas an ihnen nicht stimmte. Die Gefühle waren echt. Aber irgendetwas stimmte nicht mit ihnen.

In einer Vorlesung über die Philosophie des Geistes begegnete mir Bertrand Russells Neutralmonismus. Russell vertrat die Ansicht, dass weder Geist noch Materie die grundlegende Realität sind, sondern dass beiden ein neutrales Drittes zugrunde liegt. Er nannte dieses Dritte „neutral stuff“ (neutrales Etwas)und verstand darunter keine psychologischen Empfindungen, sondern elementare Ereignisse, die erst durch ihre Anordnung als mental oder physisch erscheinen. Das bedeutet: Was wir als „physische Welt“ erleben und was wir als „mentale Welt“ erleben, sind zwei verschiedene Anordnungen desselben neutralen Grundstoffes, also keine getrennten Substanzen.
Dieser Gedanke kam mir bekannt vor und setzte verschiedene Überlegungen in Gang. Mir ist klar, dass nicht alles, was hinkt, ein guter Vergleich ist. Dennoch möchte ich meine Assoziationen hier zusammenfassen – mit meinem derzeitigen Wissen.
Über Hermann Hesses Siddharta kam es zu einer Begegnung mit dem Dalai Lama und später im Studium der buddhistischen Philosophie zu Nāgārjuna. Er ist der bedeutendste buddhistische Philosoph nach dem Buddha selbst. Er lehrte bereits im zweiten bis dritten Jahrhundert n. Chr., dass es zwei Ebenen der Wirklichkeit gibt. Das grundlegende Problem ist, dass wir sie ständig verwechseln.
Die konventionelle Wirklichkeit, samvṛti-satya (die verhüllte Wahrheit), ist nach meinem Verständnis vor allem ein sprachliches Phänomen. Wenn ich das Wort „Tisch“ ausspreche, entsteht sofort in meinem Geist wie im Geist meines Gegenübers ein Ding mit Beinen, einer Fläche, einem Zweck. Dabei ist da draußen nur Holz und Schrauben. Die Benennung erschafft den Tisch als erfahrbare Einheit.
Das gilt nicht nur für Gegenstände. Es gilt ebenso für das, was wir für unsere innersten, unmittelbarsten Erfahrungen halten. Entfernt man im Geiste alle Schrauben und alles Holz von dem Tisch, bleibt nur Leere übrig, die Leerheit vom Tisch-Sein. Es gibt nichts in den Einzelteilen, das „Tisch“ ist. Diese Leerheit, śūnyatā, aller Dinge von einem unabhängigen „Selbst“ ist die endgültige Wahrheit, paramārtha-satya.
Bevor ich das Wort Angst kannte, bevor es mir beigebracht wurde, diese bestimmte Empfindung so zu nennen: Was war da? Ein Ziehen im Magen, eine Anspannung im Körper, eine Alarmbereitschaft. Erst die Sprache fügt all das zu einem Ding zusammen, gibt ihm Gewicht, Geschichte, Erwartung. Und plötzlich leide ich unter der Angst, verteidige mich gegen sie, werde von ihr beherrscht. Ich vergesse, dass ich selbst es war, der ihr durch Benennung diese Gestalt gegeben hat.
Der Dalai Lama erzählte mir einmal die Geschichte eines Reisenden in Indien, der abends im Garten einen Gegenstand erblickte und sofort zurückschreckte, weil er meinte, eine Schlange erkannt zu haben. Seine Angst war real, der Herzschlag beschleunigte sich, der Körper war in Alarmbereitschaft. Dann richtete der Reisende das Licht seiner Taschenlampe auf das Objekt und erkannte einen Gartenschlauch, den der Gärtner vergessen hatte. Und was passierte mit seiner Angst? Sie war in demselben Moment verschwunden, in dem die Projektion als solche erkannt wurde.

Ohne Erleuchtung – kein Unterschied zwischen Schlange und Schlauch.
Diese Geschichte gab mir die Antwort auf meine Ausgangsfrage. Die Angst des Reisenden war vollkommen echt. Sie war ein reales Gefühl, mit realen körperlichen Reaktionen. Und doch entstand diese Angst auf falscher Grundlage: Nicht die Schlange erzeugte die Angst, sondern seine Projektion einer Schlange auf den Schlauch. Das Gefühl war wahr. Die Grundlage war es nicht.
Der Buddhismus nennt das prajñapti (Projektion): Wir werfen unsere Begriffe auf die rohen Daten des Erlebens und halten das Ergebnis für die Wirklichkeit selbst. Ich vermute, dass viele unserer stärksten Gefühle so funktionieren. Sie sind real in ihrer Wirkung, obwohl wir sie selbst unbewusst durch unsere Projektion erschaffen haben.
An diesem Punkt stellt sich die unbequeme Gegenfrage: Was, wenn dort tatsächlich eine Schlange liegt?
Der Buddhismus ist nicht naiv. Auch die echte Schlange ist konventionell real und damit gefährlich und giftig. Die Lehre der zwei Wahrheiten behauptet nicht, dass die Welt bloße Einbildung sei. Sie sagt etwas Präziseres: Auch die echte Schlange hat kein inhärentes, eigenständiges Schlangen-Sein. Sie entsteht abhängig von ihren Eltern und den Umständen, die sie haben erwachsen werden lassen, und schließlich aus dem Begriff, den wir ihr geben. Selbst das, was wirklich da ist, ist nicht so fest, so abgeschlossen, so eindeutig, wie unsere Projektion es erscheinen lässt.
Der Unterschied zwischen dem Gartenschlauch und der echten Schlange liegt nicht darin, dass die eine Wahrnehmung Projektion ist und die andere nicht. Er liegt darin, wie gut unsere Projektion der konventionellen Wirklichkeit entspricht. Erkenntnis, im buddhistischen Sinne, ist nicht die Abwesenheit von Projektion. Sie ist die Fähigkeit, die eigene Projektion zu prüfen und das Licht der Taschenlampe rechtzeitig einzuschalten, um sie als solche zu erkennen. Und wenn das Licht zeigt, dass es tatsächlich eine giftige Schlange ist, dann ist die Angst vollkommen berechtigt. Und die Flucht die beste Lösung.
Der Buddhismus lehrt Gleichmut nicht als Lähmung, sondern als Klarheit, die es einem erst ermöglicht, richtig zu reagieren.
Dahinter liegt die zentrale Lehre des Buddhismus: pratītyasamutpāda (das abhängige Entstehen). Kein Phänomen existiert aus sich selbst heraus. Alles entsteht in Abhängigkeit von anderem: von Ursachen, Bedingungen, Beziehungen, Begriffen. Ich existiere nicht als festes Ich. Ich entstehe in jedem Moment neu, abhängig von Körper, Erinnerung, Umgebung, den Menschen um mich herum, den Worten, die mir gegeben wurden. Was ich Ich nenne, ist ein Prozess, kein Ding.
Und die endgültige Wirklichkeit, paramārtha-satya, ist eben dies: die Einsicht, dass alle Phänomene leer sind von eigenständiger Existenz. Śūnyatā meint nicht Nichts. Sie meint Offenheit – kein festes Wesen, kein inhärentes Selbst, nur das bedingte Entstehen selbst. Śūnyatā und pratītyasamutpāda sind zwei Seiten derselben Einsicht. Die Leere ermöglicht das abhängige Entstehen, und das abhängige Entstehen belegt die Leere.
Wenn ich nun Bertrand Russells neutralen Monismus lese, erkenne ich darin etwas Vertrautes. Russell argumentiert, dass weder Geist noch Materie die grundlegende Realität darstellen. Beiden liegt ein neutrales Drittes zugrunde, kein mystischer Stoff, sondern die elementaren Bausteine von Erfahrung, aus denen wir erst Geist und Materie konstruieren. Russell argumentiert dabei weniger sprachkritisch als erkenntnistheoretisch: Die Kategorien „Geist“ und „Materie“ sind für ihn Konstruktionen aus neutralen Ereignissen.
Auch Angst wäre für Russell wohl keine selbständige Entität, sondern eine bestimmte Anordnung neutraler Erfahrung, der wir einen Namen gegeben haben. Was wir dann mit diesem Namen anfangen, das ist Geschichte, Körper, Reaktion, Flucht. Ein Gartenschlauch, auf den wir eine Schlange projiziert haben oder eben eine echte Schlange, die wir als solche erkennen müssen.
Während Russell philosophisch argumentiert, zeigt die moderne Physik ein verwandtes Muster auf einer ganz anderen Ebene. Auch sie beschreibt eine Wirklichkeit, die nicht fest vorliegt, sondern erst im Zusammenspiel von Bedingungen und Wechselwirkung Gestalt annimmt.
Der Doppelspaltversuch zeigt: Ein Elektron verhält sich wie eine Welle, ein Feld von Möglichkeiten, solange keine Information über seinen Weg in der Umwelt gespeichert wird – so beschreibt es die moderne Dekohärenztheorie. Solange es keine klare Spur gibt, reißen diese Möglichkeiten ein Muster auf. Erst wenn die Umwelt die Möglichkeit speichert, wird aus dem „Vielleicht“ ein konkretes „So ist es“. Nicht das Bewusstsein entscheidet, sondern das Festhalten von Information durch Wechselwirkung.

Aufbau des Doppelspalt-Versuches
Heisenbergs Unschärferelation geht noch weiter: Ort und Impuls eines Teilchens können nie gleichzeitig exakt bestimmt werden, nicht weil unsere Instrumente zu grob sind, sondern weil diese beiden Eigenschaften in vielen Interpretationen nicht gleichzeitig definierte Größen sind. Die Wirklichkeit auf fundamentaler Ebene ist kein fester Zustand, sondern ein Feld offener Möglichkeiten.
Ich wage nun den Versuch, die drei Perspektiven zusammen zu denken.
In der buddhistischen Śūnyatā, also aufgrund der Leere und der Abwesenheit inhärenter Existenz, ist es im offenen Feld des pratītyasamutpāda möglich, dass Phänomene abhängig entstehen.
Bei Russell ist die Grundlage das neutrale Dritte, der Raum bzw. Grundstoff, in dem sich Energie (Geist) und Materie überhaupt als Unterscheidbares ausbilden können.
In der Quantenphysik ist es der Ereignisraum bzw. Möglichkeitsraum, in dem durch konkrete Mess- und Wechselwirkungsbedingungen erst bestimmt wird, welche konkrete Verlaufsform sich zeigt.
Mir scheint, dass alle drei zu demselben Schluss von verschiedenen Seiten kommen: Es gibt keine fertige, eigenständige Wirklichkeit, die unabhängig von Beziehung, Wechselwirkung und kognitiver Projektion existiert.
Ob wir es Leere nennen, neutrales Material oder potentia: Alle drei Sichtweisen zeigen, dass Wirklichkeit kein fertiges Ding ist, sondern ein Geschehen aus Potentialität, das erst in einer konkreten Beziehung Gestalt annimmt. Natürlich sprechen Buddhismus, Russell und Quantenphysik nicht dieselbe Begriffswelt, also nicht dieselben Grundannahmen darüber, was Wirklichkeit ausmacht; sie berühren sich eher in der Struktur ihrer Einsichten als in ihren jeweiligen theoretischen Grundlagen.
Wenn ich diese drei Perspektiven zusammendenke, erkenne ich kein statisches Fundament, sondern ein hochdynamisches Gefüge. Alles, was erscheint, entsteht aus Ursachen und Bedingungen, die sich selbst fortwährend verändern. Wirklichkeit ist kein Zustand, sondern ein Prozess, der sich in jedem Moment neu verschaltet.
Aus dieser Einsicht ergeben sich für mich drei Wege, die zur Wahrheit führen: der Weg der Ursachen, der Weg der Bedingungen und der Weg der Möglichkeit. Wie ein Photon, das zugleich Welle, Teilchen und Wahrscheinlichkeit ist, möchte ich alle drei Wege gehen – nicht nacheinander, sondern gleichzeitig, weil sie nur im Zusammenspiel verständlich werden.
Der Weg der Ursachen zeigt mir, woher ich komme. Der Weg der Bedingungen zeigt mir, was mich formt. Der Weg der Möglichkeit zeigt mir, wer ich werden kann.
Zwischen diesen drei Wegen entsteht kein fertiges Ich, sondern ein dynamisches Werden: ein Muster, das sich im Kontakt mit der Welt verändert, reagiert und sich immer wieder neu zusammensetzt. Wahrheit zeigt sich nicht in einem einzigen Moment, sondern in der Bewegung zwischen Momenten – in dem, was entsteht, vergeht und erneut Form annimmt.
Ich komme zurück an den Anfang dieses Essays. Die echten Gefühle, die mich früher überwältigten, waren allzu oft Gartenschläuche, auf die ich Schlangen projiziert habe. Zum Glück konnte ich den echten ausweichen. Entscheidend war nicht die Intensität des Gefühls, sondern das Licht des Erkennens – und die Fähigkeit, zu prüfen, welche Bedingung die Form festhält, die ich dann für Wirklichkeit halte.
Es gibt also mindestens diese drei Wege. Ich möchte sie erkunden, um die eine Wirklichkeit zu erleben.
Ich bin gespannt, zu welchen Erkenntnissen ich am Ende des Semesters komme.
Der kleine Prinz wusste, dass man mit dem Herzen gut sieht. Nāgārjuna hätte hinzugefügt: Wenn es die Taschenlampe dabei hat.
